Wenn es darum geht, die ersten eigenen Schritte mit einem digitalen Business zu gehen, dann herrscht oft Unsicherheit. Klappt das alles so, wie man sich das vorstellt? Wo können Risiken minimiert und Kosten gesenkt werden? Zumindest bis alles läuft…! Und dann wird auf zweifelhafte Ressourcen zurückgegriffen, die alles nur viel schlimmer machen.

Ich kenn einen, der kann das
Für die Erstellung der ersten eigenen Webseite oder für den Dreh von Imagevideos, Werbung und Videokursen suchen Durchstarter nach günstigen Möglichkeiten. Schließlich steht die dafür notwendige Technik heute quasi jedem Endverbraucher offen und verspricht, kein großes Hindernis zu sein. Und das ist auch die Botschaft, die von Dutzenden von „Digital-Coaches“ immer wieder verbreitet wird: „Fang an, starte mit kleiner Technik, es ist alles heute nur ein Klick entfernt!“
Websitebaukästen und leistungsfähige Handykameras machen es möglich, die Technik selbst zu beherrschen. Und dann gibt es fast immer jemanden im eigenen Umfeld, der sich genau aus diesem Grund die dafür notwendige Technik angeeignet hat. Und das nenne ich immer das „Neffenproblem“.
Gefühlt hat jeder einen jungen oder junggebliebenen Menschen in seinem Umfeld, der Programmieren, Filmen oder Texten mit KI extrem spannend findet und auch den Lifestyle, der an die Produktion und den Verkauf solcher Produkte gebunden ist, für sich in Anspruch nimmt. Dann kauft sich der Neffe (oder wahlweise der Sohn des Kollegen, der kleine Bruder oder sonstwer) ein vernünftiges Handy und wird ein „guter Filmemacher“. Und kauft sich dann noch eine digitale Spiegelreflexkamera und ein Mikro und wird ein „sehr guter Filmemacher“ mit aufwändigem Equipment. Dann werden reichlich Referenzen auf YouTube angeschaut, wie man einen Imagefilm dreht oder wie andere bereits solche gedreht haben. Dann wird ein wenig die Schnitttechnik in den Profiprogrammen erlernt und schon läuft’s. Mit großem Fleiß und Enthusiasmus werden Hunderte solcher Videos geschaut, die es überall zu sehen gibt.
Und natürlich werden die Videos vom Neffen dann genauso gut wie Hunderte anderer Videos, die es schon gibt. Zumindest fast… Der Neffe ist stolz, dass ihm das so gut gelungen ist und der Experte, der sich für ein Taschengeld in dieser Art filmen lässt, erkennt keinen großen Unterschied. Der freut sich am Gesparten und ist ansonsten ja auch nicht Experte für Film, sondern für etwas völlig anderes.
Es werden also Ergebnisse produziert, die fast so gut sind wie Sachen, die schon hundertfach in der Welt sind und dabei wird gehofft, den Unterschied in der Sichtbarkeit machen zu können. Finde den Fehler…
Neffen, überall Neffen!
Und dieses Neffenproblem ist nicht einmal darauf begrenzt, dass das irgendein selbsternannter Filmprofi sein muss, den man auf Omas 80. getroffen hat. Oder ein Jungprogrammierer, der neben den Mathehausaufgaben jetzt auch Webshops erledigt. Es kann auch der eigene Anspruch sein, sich die notwendige Technik anzueignen, der in die Irre führt. Oder – noch schwieriger zu entlarven – der scheinbar echte Profi mit eigenem Schreibtisch im Co-Workingspace und toller Website, die eigentlich nur das Neffenproblem widerspiegeln.
Ich habe mal jemanden kennengelernt, der „Graphic Director“ ist. Angemessen bewundernd habe ich ihn gefragt, was man denn dafür studieren muss. Er sagte mir, dass er Soziale Arbeit studiert hat und Grafik einfach sein Hobby gewesen sei, dass er zum Nebenerwerb ausgebaut hat. Aber „Graphic Director“ sei ja auch nicht geschützt, wie „Biolandwirt“, „Journalist“ oder „Anlageberater“. Das kann alles jeder sein. Er war übrigens ein sehr guter Grafiker, den ich jederzeit für Projekte buchen würde. Da wird es ganz verrückt… Und er hat tolle Visitenkarten!
Ich habe es selbst in meiner Karriere leidvoll erfahren, wie schwierig es manchmal ist, die guten von den sehr guten Profis zu unterscheiden. Und ich habe über die Jahre aufgehört, all die Autodidakten, Wannabe´s und Schulabgänger mit Kleingewerbe in meine Projekte einzubeziehen. Stattdessen habe ich mich heute auf sehr gute und teure Experten eingeschossen, die in Deutschland und Europa handverlesen für meine Projekte arbeiten. Immer die, wo ich weiß, dass sie mit viel Erfahrung Probleme in meinen Projekten erkennen, bevor sie entstehen und nicht später versuchen, mithilfe von YouTube-Tutorials „Quickfixes“ zu suchen, die funktionieren oder nicht.
So kommt heute eben der beste Experte für Videoprojekte in meinem Netzwerk aus Bremen. Der beste Profi für den Aufbau von Verkaufsprozess aus Berlin. Und der genialste Programmierer aus Wien. Einfach, weil ich die besten nicht näher dran gefunden habe. Aber für das richtige Projekt kommen die sofort an jeden Ort der Welt.
Es darf bei dem Anspruch, ein eigenes Projekt zur Sichtbarmachung des eigenen Wissens aufzubauen oder den Grundstein für das eigene Business zu legen, niemals darum gehen, bei den grundlegenden Dingen zu sparen. Weil die „Try-and-Error-“ Strategie am Ende immer teurer wird und schlimmstenfalls die Motivation kostet, ans Ziel zu gelangen. Das wäre am allerteuersten.
Dazu versteht man als Experte (für ganz andere Themen jedoch) einfach zu wenig von diesen technischen Details. Wir gehen ja auch zu einem guten Juwelier in der eigenen Stadt, den wir schon lange kennen. Einfach, weil wir wissen, dass irgendein Anbieter aus dem Internet uns vielleicht über den Leisten zieht. Ist das wirklich Feingold? Ist das wirklich so viel, wie angegeben? Wir müssen in einem bestimmten Rahmen glauben, was der Arzt uns sagt, weil der das nämlich studiert hat. Und wir vertrauen dem Sachverständigen, weil wir ihm Geld geben für seine Expertise. Nur im Bereich der digitalen Produkte sind viele da unvorsichtiger, teils aus Sparsamkeit, teils aus mangelnder Entscheidungskompetenz heraus und manchmal nur, weil sie nicht erkennen können, wer ein Pfuscher ist.
Und immer nur deshalb, weil es einen Erkenntnisunterschied zwischen dem „Experten“ und uns gibt. Das öffnet Tür und Tor für eine tolle Zusammenarbeit, in der beide ihre Expertise in den Hut werfen und gleichzeitig auch für Nepper, Schlepper und Bauernfänger. Und es ist Teil der Geschichte, warum so viele „Neffen“ die Branche der digitalen Produktion zu einer Plattform irrwitzigen „Nichtkönnens“ gemacht haben – mit treuen Kunden.

