Wetten: Das haben sie jetzt noch nicht über künstliche Intelligenz gewusst. Und einen guten Experten zeichnet ja auch immer aus, dass er zu all dem bekannten Wissen, das er für seine Rezipienten durchforstet und aufarbeitet, auch immer ein bisschen etwas Neues mischt. Bitteschön! Aber was hat das mit KI und den Bananen auf sich?

KI macht etwas mit der Art, wie wir Content erstellen
Es ist mir selbst schon einmal passiert. Ein Kunde von mir, mit dem ich lange bei der Erstellung von Inhalten zusammengearbeitet habe, hat sich dazu entschieden, einmal mit „der“ KI zusammenzuarbeiten. Ich hatte abgelehnt, bei einem bestimmten Projekt von ihm mitzumachen, weil es mir in der Summe nicht richtig erschien. Das passiert mir manchmal. Aber, nicht schlimm: Im Kleineren hatte der Kunde die KI immer schon neugierig und gerne genutzt und war begeistert von ihren Fähigkeiten. Jetzt sollte es ein ganzes Buch werden. Und am Ende erzählte er mir, dass das Ergebnis nicht gut geworden sei. Wörtlich „Das war Sch…!“ Aber: Erfolgreich geschrieben wurde es trotzdem und auch gedruckt, bei einem sehr guten Verlag. Wie sagen die Homöapathen: Wer heilt, hat Recht…
Nachgetreten, beleidigt, eifersüchtig, der Bargfrede… Oder?! Nein, so auch nicht. Immer wieder höre ich aus meinem Netzwerk und erlebe es selbst im Umgang mit künstlicher Intelligenz, dass diese zu großartigen Dingen in der Lage ist. Wo sonst hat man so allumfassenden Zugriff auf so viel Intelligenz, Wissen und Ressourcen?! Da kann bei allem berechtigten oder überzogenen Selbstbewusstsein jeder Experte einpacken. Mehr Informationen in irgendeinen Kontext einbringen zu können, als die künstliche Intelligenz – der Zug ist schon lange abgefahren. Und hey, sie kann seitenweise Text in Sekunden verfassen, sogar analysieren und ein Abstract erstellen.
Aber ich höre auch immer wieder, dass die KI so ihre Eigenheiten hat. Sie bringt spannende Informationen ein, die man selbst nicht auf dem Schirm hatte. Und sie kann schreiben, als wenn es kein Morgen gibt. Ermüdungsfrei und stets mit gespitztem Bleistift am Start. Verlangen Sie das mal von ihrem Ghostwriter! Wer schnell viel Inhalt braucht und selbst nicht gut schreiben kann und nicht gut recherchieren will, der ist hier bestens beraten. Also, meistens…
KI ist unschlagbar billig: Sie besteht nicht einmal auf Bananen als Lohn
Das erinnert mich immer fatal an das „Infinite-Monkey-Theorem“. Die Idee ist lustig: Affen sind angeblich in der Lage, an einer Schreibmaschine großartige Literatur zu verfassen. Je nach Ausgestaltung der Geschichte muss man nur unendlich viele Affen in einen Raum mit unendlich vielen Schreibmaschinen stecken, schon verfassen unsere nächsten Verwandten irgendwann oder sofort fast sicher alle Bücher, die in der Bibliothèque national de France stehen. Oder wahlweise alle Werke von Shakespeare. Oder sonst irgendetwas.
Dann muss man nur noch die vielen Seiten Schreibmaschinentext der Menschenaffen lesen und schauen, was etwas geworden ist. Je besser der Text ist, desto schwieriger wird das natürlich, weil vielleicht bei einigen fertigen Werken nur ein paar Wörter falsch sind und sich vielleicht statt drei nun vier Hexen auf der Heide im ersten Akt von „Hamlet“ versammelt haben. Dummer Primat! Aber nah dran…
Das muss man dann aber auch schon wieder merken, selbst kein Affe in diesem Thema sein. Und das ist aus mathematischer Sicht geradezu grotesk schwierig. Denn, wenn man der allseits beliebten Wissensmaschine Wikipedia Glauben schenkt, benötigt es eine ganze Menge Affen, deren Mengen an Texten dann korrigiert werden müssten. Wikipedia sagt:
Selbst wenn das gesamte sichtbare Universum mit Affen von der Größe von Atomen gefüllt wäre, und diese bis ans Ende des Universums tippen würden, wäre die Wahrscheinlichkeit, den Hamlet zu erhalten, viele Größenordnungen kleiner als Zehn hoch -138.800.
Da wünsche ich: Viel Spaß beim Korrigieren!
Da ist die künstliche Intelligenz, als unser neuerlich erschaffener nächster Verwandter, schon einen bedeutenden Schritt weiter. Sie verfasst sicher Texte, die etwas taugen. Dann muss der Ideengeber – Autor muss ja niemand mehr sein – nur noch lernen, wie er das hilfreiche Äffchen mit Bananen füttert. „Prompten“ heißt das heute.
Hey KI: Schreib mir einen Text über die wichtigsten Anlagestrategien im Bereich Aktien. Berücksichtige dabei die Anlage in ETFs ebenso wie die Risiken und Vorteile von Einzelaktien.
Und dann kommt etwas heraus. Text…, beliebig lang. Warum also kein Buch? Warum nicht den Startseitentext meiner neuen Webseite? Warum nicht den Inhalt dieses Blogs?
Unter anderem vielleicht, weil es dann wieder darum geht zu schauen, dass der Text tatsächlich keine Fehler enthält. Idealerweise sollte sich die künstliche Intelligenz nicht bei Quellen bedient haben, die man gar nicht zitieren darf. Sie sollte keine Falschaussagen einbauen, dafür gibt es schließlich „X“. Und sie sollte natürlich der Überprüfung durch Leser, Verlage und andere Experten Stand halten können. Kann der Affe das? Kann die KI das?
Künstliche Intelligenz „bereichert“ das Wissen der Menschheit um immer mehr Informationen und Content, in sicherlich über- und überexponenziell wachsenden Umfang. Es entsteht durch sie einfach unendlich viel mehr „Wissenzeug“. Und dann schreiben
- Autoren, die von Suchmaschinen aufgrund ihrer besonderen Inhalte in besonderer Weise gezeigt werden wollen,
- Autoren, die das besondere Buch mit besonderen Veröffentlichungschancen schreiben wollen und
- Eperten, die ihre Rezipienten mit Genialität auf ihre Seite ziehen wollen …
… Texte, die immer mehr vom immer Gleichen produzieren? Das darf man zumindest mit einem Fragezeichen versehen. Wie Besonders ist das, was SIe dann schreiben?
Und weil die künstliche Intelligenz eben gute Texte schreibt, sind diese umso schwerer von sehr guten Texten zu unterscheiden. Es ist schwerer, dummes Zeug in diesen Texten zu entlarven. Es ist schwerer zu erkennen, warum der so erstellte Text eben nicht so klingt, als hätte man als Autor und Experte sein ganzes Herzblut hineingegeben. Hat man ja auch nicht… Es ist schwer, sterile Texte auf den Duktus der eigenen Kundenansprache umzubauen.
Dann höre ich von Profis, die Webseiten für ihre Kunden erstellen, dass diese Ihnen KI-generierte Texte liefern mit dem Hinweis, dass das eigentlich noch nicht genau das sei, was sie eigentlich sagen wollten. Ja, und nun? Wer badet es aus, wenn der tolle Text die Webseitenbesucher zu gar nichts motiviert?
Dann bekomme ich Manuskripte, mit der KI geschrieben, die so richtig keinen Anfang und kein Ende haben, die keine Struktur einhalten und den Leser nicht abholen. Texte, die kein Verlag drucken und kein Leser lesen will. Und trotzdem 300 Seiten davon, sehr effizient erstellt. Und die Kunden sind von mir enttäuscht, wenn ich sage, dass ein Überarbeiten der Texte aufwändiger und teurer sei, als sie einfach neu zu schreiben. Die Ansprache der Leser ist manchmal nicht wirklich gut.
Das kann der Affe vielleicht doch noch besser? Oder wenigstens der Buchcoach?
So beobachtet man heute eine sehr spannende Gegenbewegung zur ersten Begeisterung für künstliche Intelligenz. Neben Weltuntergangsexperten in deutschen Talkshows werden auch die anfänglich so optimistischen Endverbraucher kritischer und stellen fest, dass KI Ihnen nicht jedes Problem lösen kann. Stimmt schon: KI kann Ideen einbringen und ein guter Sparringspartner sein, der alternative Formulierungen und neue Ansätze in das digitale Gespräch einbringt. Aber sie bringt nichts „“Besonderes“. Sie spricht niemandem aus der Seele. Und das kann man ihr auch nicht vorwerfen, weil sie keine hat.
Wo sie eben heute noch nicht so besonders gut ist: Neues zu erschaffen. Eine Überzeugung zu transportieren. Kreativität im eigentlichen Wort Sinne zu produzieren (Creare, lat.: Erschaffen).
Wer sich selbst ausdrücken möchte, kann das eben immer noch schlecht an andere delegieren. Zum Glück! Denn als Mensch an bestimmten Wissensinhalten herumzuknobeln, sich darüber mit anderen Menschen auszutauschen und seine Gedanken zu teilen, selbst an dieser Auseinandersetzung zu wachsen – das ist der eigentliche Spaß von Kreativität und Schreiben! Ob und wie lange noch ein richtiger Experte Vorteile hat, weiß ich nicht.
Fragen Sie doch die KI! Die hat zu allem ´ne Meinung. Und so lange schauen wir mal, was Sie eigentlich als Experte sagen wollen. Übrigens: Die drei Hexen, die ich am Anfang zitierte, treffen sich bei MacBeth, nicht bei Hamlet. Haben Sie aber gemerkt!

