Der AMAZON-Bestseller. Das Arschgeweih des Buchmarkts

A detailed image of a hand holding a folded 50 euro banknote, with documents in the background.

Jeder hat ihn, aber er ist nicht soooo cool. Denn es ist das einfachste der Welt. Aber deswegen bringt es womöglich auch nicht so viel!? Häufig wird der Amazon-Bestseller bei Büchern als echte Alternative zu anderen Bestsellern genutzt und als tolles Ziel in Buchkrusen beworben. Autoren werben damit, dass sie diesen Titel erreicht haben. Aber wie schwer ist das eigentlich?

Der Amazon Bestseller ist leicht zu erreichen

Amazon erstellt für die unterschiedlichsten Gruppen seiner Produkte feste Kategorien. Nicht zuletzt geschieht das auch bei Büchern, die dann in verschiedene Unterkategorien einsortiert werden. Sachbücher, Ratgeber, Frauenliteratur, Finanzen, Lebensführung und ähnliche Themen werden in verschiedene Kategorien, Unterkategorien und so genannte Platzierungen ausgesplittet und einsortiert. Und dabei kann ein Buch in eine Kategorie gelangen, die ziemlich „Special interest“ ist.

Dann kann man also ein Buch schreiben und es in der Amazonkategorie „Beziehungen, Elternschaft und persönliche Entwicklung“, dort in der Unterkategorie „Persönliche Entwicklung“ und dort in der Unterkategorie „Persönlicher Erfolg“ wiederfinden. Die ist gar nicht so klein.

Oder in der Kategorie „Sachbücher“ in „Lebensführung“, dort in der Unterkategorie „Benehmen und Manieren“ und dort in der Unterkategorie „Kulinarischer Knigge“. Die ist ziemlich schräg und klein.

Ein wenig wie beim Arschgeweih damals, als das mal kurz cool war, haben die allermeisten schnell gemerkt: Oh, das hat auch nocals Buchaufkleber gar nicht lizenzierbar und damit immer „gefaked“ ist – sagt damit auch: einen anderen Bestseller habe ich nicht bekommen.

Je enger die Nische, desto leichter kommt der Bestseller

Dann höre ich immer wieder von Autoren, dass sie einen Amazon-Bestseller erreicht haben. Und dass sie sich auch extra einen Aufkleber haben gestalten lassen, den sie auf jedes ihrer Bücher kleben lassen: „Amazon-Bestseller“. Und der Kunde staunt! Das bedeutet aber nicht zwingend, dass dieses Buch bei Amazon über alle Kategorien hinweg großen Verkaufserfolg erreicht hat. Denn Amazon-Bestseller wird ein Buch auch, wenn es in einer dieser schrägen Unterkategorien nur einmal kurz zählbar gut verkauft wurde. Dabei werden die erfolgreichsten Werke, die Top-10.000 (!) eines bestimmten Verkaufszeitraums, stündlich aktualisiert. Alles dahinter wird einmal am Tage aktualisiert, bis einschließlich Platz 100.000. Verrückt… Jede Stunde eine neue Chance, für eine Stunde 😉 kurz einen Verkaufserfolg zu landen. Weil alle Freunde und Verwandten einmal genötigt wurden…

Für 50 Euro plus Spesen würde ich (fast) jeden zum AMAZON-Bestseller machen

Close-up of vintage typewriter printing 'Fake News', depicting false information concepts.

Meine steile These also: Für 50 €, die du mir zahlst, setze ich mich 5 Minuten hin und bestelle 50 Exemplare deines Buches, wenn es nur in einer möglichst wenig umkämpften Unterkategorie, in einer Unterkategorie einer schrägen Kategorie von Amazon, erschienen ist. (Die Kosten für die Bücher setze ich als Spesen an): „Kulinarischer Knigge“ wäre ja so eine sehr enge Nische beispielsweise. Und dann wird dieser kurzfristige und völlig belanglose „Verkaufserfolg“ bei Amazon registriert und eventuell sogar (kurz!) ausgewiesen. Und du bekommst vielleicht kurzzeitig das Label: „Bestseller in der Kategorie kulinarischer Knigge“. Dann müssen wir schnell sein und zur Sicherheit einen Screenshot machen.

Und dann könntest du diesen Erfolg als Aufkleber auf dein Buch kleben. Es darf halt keiner nachfragen, ob außer mir jemand deine Bücher gekauft hat und vielleicht lässt du den Hinweis zur Kategorie auch besser weg.

Dann kommt es seitens der Betrachter zu einer, – Achtung hochgestochen – Urteilsheuristik: Sie lesen „Amazon-Bestseller“ und verstehen: „Bestseller“. So machen es jedenfalls viele Anbieter, die mit ihrem Amazon-Bestseller werben und Interessenten damit lenken wollen. Zugegeben: Das wird in der Regel nicht mit 50 Exemplaren geschehen, nicht in ganz so speziellen Kategorien und vielleicht auch nicht immer so dreist. Aber vom Prinzip her funktioniert es so und ein Amazon-Bestseller ist wirklich eine ziemlich einfach zu erreichende Auszeichnung.

Nutze den Amazon-Bestseller klüger

Der erste Tipp wäre also, sich dieser grundsätzlichen Dynamik bewusst zu sein und die Bestseller andere Autoren nun unter diesem Licht zu betrachten. Jedenfalls die bei Amazon, der SPIEGEL oder das MANAGER-MAGAZIN sind da nicht so leicht zu kriegen.

Der andere Tipp ist, den Amazon Bestseller nicht (alleinig) zum Ziel der eigenen Strategie zu machen. Zwar funktioniert er in gewissen Grenzen durchaus als Aufmerksamkeitsmerkmal und vielleicht sogar als Social-Proof für andere Nutzer: „Ein Bestseller kann ja nicht so schlecht sein, den kann ich auch kaufen…“. Aber dieser künstliche Verkaufserfolg bei Amazon kann in der sehr kurz greifenden Strategie, die ich hier dargestellt habe, keinen wirklichen Experten und auch keinen Bucherfolg generieren.

Er könnte aber dazu dienen, einen ersten Erfolg anzustoßen und dann klug zu nutzen. Natürlich kann ein Amazon-Bestseller später instrumentalisiert werden und potentiellen Interessenten für das eigene Buch als Social-Proof präsentiert werden. Und auch Amazon versteht, dass ein Buch mit dieser Auszeichnung es vielleicht wert ist, es mehr Nutzern der Plattform zu präsentieren. Natürlich will Amazon seinen Besuchern immer Bücher zeigen, die sich dem Algorithmus und der Erfahrung nach gut verkaufen.

Dann könnte beispielsweise auf Basis einer ersten kleinen Sichtbarkeit in der Nische der Nische noch etwas für Amazon-Marketing bezahlt werden, um diesen initialen Erfolg zu fördern, und damit aus dem Minierfolg in der „verrückten“ Nische ein größerer Erfolg in größeren Nischen erreicht werden. Und vielleicht sogar irgendwann ein Amazon-Bestseller in: „Alle Bücher“. Das geht, mit einer aufwendigeren und klügeren Strategie. Und das schafft natürlich großartige Sichtbarkeit und verkauft reichlich Bücher.

Und das (!) ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Disclaimer: So einen Mist, wie eingangs beschrieben, mache ich nicht. Wir entwickeln eine richtige Strategie. Die 50 Euro darf jeder behalten.

Disclaimer 2: Amazon und sein Algorithmus sind in weiten Teilen eine dynamische Blackbox. NIemand kann dort so richtig reinschauen und etwas daher ganz konkret steuern. Das gilt schon für die Vergabe der Kategorien und die Ermittlung der Bestseller. Daher ist ein „richtiger“ Bestseller immer die bessere Strategie, auch dort. Das merkt AMAZON dann sicher und wird es honorieren.

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